Rituale in der Kunst-Klause

Residenznotiz #7, 7. August 2022, Kunsthaus Klosters

Die Zeit festigt Abläufe: langsam wird alles ganz normal hier als Residenzkünstler. Fast alles.

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Vor drei Wochen habe ich losgelegt, da war mir vieles hier noch zu viel. Die Wohnung, das Organisieren von Werkplatz und Material, die Recherchen, das unbekannte Terrain. Inzwischen habe ich meinen Barber gefunden, den besten Bäcker, den Barista. Der Reihe nach:

Die Vorteile des Einfachen
Wir wohnen simpel hier in der Kunstklause zu Klosters. Die üblichen sozialen Verbindungen, Gewohnheiten und Ablenkungen sind gekappt. Es bleiben ich, das Projekt – und natürlich das Wachsen von neuen Verbindungen und Gewohnheiten.

Kaffee-Zeitungs-Morgenschlaf
Ein gemütlicher Tag beginnt mit einer Auszeit zwischen Koffein und Kolumnen. Dabei mischt sich meine temporäre geistige Abwesenheit im trendigen «Kaffeeklatsch» oder der traditionellen «Chesa Grischuna» mit Zufallsbegegnungen und Gesprächen.

Werkplatz einrichten
Die Skulpturen rufen nach Bearbeitung: also wieder rauf ins Kunsthaus, Klamotten wechseln, Sägeplatz vorbereiten.

Das mache ich alles parat für den Säge-Einsatz: Die elektrischen Motorsägen sind für die Feinarbeit, das Zeichnen im Holz; die Benziner bringen die grossen Stücke effizient weg. Arbeitsschuhe mit Stahlkappe retten Zehen, Schnittschutzhosen sind im Sommer zu warm und trotzdem dabei. Druckluft legt Formen frei, wenn sich Sägemehl in den Schnitten sammelt; ich reinige Maschinen und mich selbst per Luftdusche. Der Gehörschutz sorgt auch für innere Distanz; die Aussenwelt ist akustisch weg, mein Tunnelblick liegt auf der Säge im Holz. Dies und das umfasst Klappmeter, Brechstange zum Auskeilen angesägter Stücke, Wachsstifte für Markierungen oder Spanset zum Fixieren des Werkstücks.

Psst, von 12 bis 13 Uhr
Mittags schweigen meine Motoren, wie es sich gehört im Kurgebiet. Ich tanke auf bei einer gemütlichen Zwischenverpflegung. Auch abends koche ich in der Regel in unserer kleinen Küche. Davor wird das Sägemehl vom Körper gespült, eine wohlige Dusche läutet den Feierabend ein.

Aufgehört wird, wenn ich weiss: jetzt ist genug. Es ist weniger ein Wissen als eine klare innere Ahnung. Wenn ich diesen Impuls wissentlich übersteuere, klemme ich mir etwa einen Finger ein oder – schlimmer – begehe einen Fehlschnitt.

Jenseits des Gewohnten: die Kulisse
In diesen eingespielten Alltag blinzelt etwas, das angenehm ungewohnt bleibt: Klosters. Der Teil, der sich über den Hausdächern, am Horizont, auf den Wiesen immer wieder neu inszeniert. Ich schaue morgens aus dem Fenster und staune über die Bergkette am Himmel. Ich wundere mich über das Licht- und Schattenspiel an den Hängen im Monbiel.

Ab morgen wird gemalt – mehr über Figuren und Farben im nächsten Beitrag (Mailabo).

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