Raus aus der Komfortzone

Residenznotiz #1, 10. Juli 2022, Kunsthaus Klosters

Was machen sechs Wochen Klosters mit mir? Wie ist es, als Künstler vor Ort zu arbeiten, fern von den gewohnten Atelier-Werkzeugen und -Einrichtungen? Wie viel lässt sich planen? Und wie wird das Leben in einer Wohngemeinschaft mit meinen beiden Mit-Künstlerinnen?

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Diese Fragen begleiten mich eigentlich seit dem Bescheid der Jury, dass mein Projekt „Zugewandert“ angenommen sei. Huch und Hurra zugleich. Das war Anfang 2022; ab heute will ich den Prozess der Konkretisierung festhalten. Deshalb dieser erste Eintrag in die Residenznotizen, weitere folgen in loser Reihenfolge.

Aus dem Grau ins Grün — ins Grau
Ich geniesse die Bahnfahrt raus aus Zürich. Mein Augen auf dem Bildschirm, links flitzt der Zürichsee vorbei, dann der Walensee.

Beim Umsteigen in Landquart kommt Ferienstimmung auf: schön, dass ich bald in den Bergen arbeiten werde. Die RhB nutze ich sonst für Freizeitfahrten. Das weite, grüne Tal vor Klosters ist eine Augenweide, der Städter in mir kommt runter. Und der will schon in Klosters Dorf umsteigen — wir sind ja im ehemaligen Primarschulhaus untergebracht. Kurz googeln: oops, Klosters Platz, lieber Zürcher! Sitzenbleiben.

Erster Eindruck beim Aussteigen: eng hier. Grosse Gebäude, viel Stein, Pseudogemütlichkeit, Parkplätze. Fertig mit grüner Wiesenidylle. Bei der Dorfkirche ein letztes Holz-Walserhaus und so ist das einfach. Schluss mit der touristischen Grün-Projektion, hier wird gearbeitet.

Das alte Dorf-Schulhaus steht an der Durchgangsstrasse, werden die Künstler-WG-Zimmer auf die Strasse sein, lärmig? Loslassen, verwöhnter Offenes-Fenster-Schläfer!

Menschen, Ideen, erste Resultate

Heute ist „Midissage“, eine Wortschöpfung der Veranstalter für das Zeigen der Arbeiten aus den ersten sechs Wochen. Andrea Züllig & Heiko Schätzle, Sagar Shiriskar, Ursula Engler sind fertig geworden und zeigen ihre Werke. Endlich treffe ich die Menschen, mit denen ich seit Monaten Mails austausche, persönlich. Erst beim Handschlag fällt mir auf: zu jedem Namen habe ich mir ein Bild gezimmert — Konrad hat aber gar keine Glatze und auch keine Brille. Wie ist mein Unterbewusstsein bloss darauf gekommen? Rückgriff auf im Zentralspeicher abgelegte Stereotypen?

Die Führung durch die Arbeiten bietet den perfekten Anlass um zu schnuppern. Wo werde ich sägen? Geht das hier überhaupt? Schon mal in die Wohnung des ehemaligen Schulwarts schauen, wo die Künstler untergebracht sind?

Parallel zu den Residenz-Wochen wird eine konstante Ausstellung gezeigt. Sie gefällt mir, alle Zimmer auf den drei Stockwerken habe ich noch nicht gesehen; dafür bleibt Zeit.

So geht’s mir heute als bald zuwandernder Künstler. Passt zu meinem Projekttitel. Zuwandern heisst Veränderung; raus aus dem Routine-Komfort. In einer Woche bekomme ich meine Schlüssel und ein paar Anleitungen.

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