Von der Poesie des Verstandes

Neulich habe ich meinen Kopf umarmt. Aus Ärger wurde Akzeptanz. Die Direktheit der Natur hat mir geholfen, etwas Neues zu er-leben. 

Was hat mich zu diesem Erlebnis geführt? Der Jahresübergang, die Solo-Nacht im Schnee, die Stille auf Vorderarni im Urnerland? Wohl alles zusammen. Auf alle Fälle waren da mein Ärger über den inneren Kritiker und zwei Skistöcke.

Einem Impuls folgend steckte ich beide in den Schnee, drei Schritte auseinander. Einen für meinen Verstand, den anderen für das innere Kind. Zuerst nahm ich den Platz des Verstandes ein. Der fuhr sein kleines Gegenüber sofort an: «Reiss dich zusammen, mach einen Plan, hör auf zu jammern!»

Ich war überrascht, mit welcher Härte ich mich verurteilte. Bloss weg aus dieser Position – wie geht es dem inneren Kind? Die Antwort war betroffen – und erstaunlich offen: «Wieso so streng? Du bist ein Teil von uns. Wir sind viele innere Stimmen. Wir mögen dich.»

Ach so? Es gibt Teile in mir, die mögen den Verstand? Da war ich doch gerade auf der Suche nach weniger Kopfigkeit, weniger inneren Urteilen. Loswerden müsste man dieses Denken doch, oder?

Ich ging die drei Schritte zurück in den Verstand, liess mich ankommen und fühlte mich jetzt zugewandt, versöhnlich: «Stimmt, ich gehöre zu euch.» Ich sah uns beide in einem Kreis mit allen inneren Anteilen. All das ist in mir und all das kann ich sein. In leichten und in schwierigen Begegnungen.

Der Verstand hatte seinen Anteil an dieser improvisierten Aufstellung. Aber er hatte keine Kontrolle über den Ablauf und die Bilder, die an den verschiedenen Positionen hoch kamen. So wurde aus dem Kampf gegen den Verstand – gegen sich selbst – eine Akzeptanz. Ich sah plötzlich die «Poesie des Verstandes». Da sitzen nicht nur Urteile und Organisatorisches. Da wächst auch Kreativität, Leichtigkeit, Offenheit.

Das Entscheidende liegt in der Erfahrung dieser Worte. Was wir er-leben macht Vorstellungen und Konzepte persönlich, lebendig. Und ich glaube, dass wir sie dann besser in unseren Alltag integrieren können.

Foto Vorderarni, Marcel Bernet